Ruhepuls - was er über Dich verrät

Welche Faktoren Deinen Ruhepuls beeinflussen

Der Ruhepuls

„Ein niedriger Ruhepuls erhöht das Risiko für gewalttätiges, aggressives und antisoziales Verhalten“, so Antti Latvala von der Universität Helsinki. Diese Schlagzeile hat es in sich und ging jüngst durch alle Medien.

Doch was hat es mit ihr auf sich?

Hintergrund ist die Studie eines schwedischen Forscherteams. Sie zeigt Erstaunliches. Eine niedriger Ruhepuls korreliert signifikant mit der Neigung zu Gewalt und antisozialem Auftreten.

In der großangelegten Langzeitstudie wurden Daten von 710.264 Männern im Alter von bis zu 35 Jahren analysiert und ausgewertet. Junge Männer mit einem niedrigen Ruhepuls wurden häufiger eines Gewaltverbrechens oder anderer Straftaten (Delikte) verurteilt.

Ein konstant niedriges Erregungslevel ist für den Organismus unbefriedigend. Er geht also auf Reizsuche und findet es, vielleicht, in antisozialem Verhalten. Daneben existiert die Theorie der Furchtlosigkeit. Steigende Herzfrequenz ist, unter anderem, ein Zeichen für Stress. Bleibt der Puls konstant im niedrigen Bereich, zeigt das, dass der Organismus eine gewisse Furchtlosigkeit vor äußeren Impulsen aufweist.

Müssen wir uns deswegen nun Sorgen machen? Neigen wir, weil wir uns einen niedrigen Ruhepuls antrainiert haben, zu Gewalt oder antisozialem Verhalten?

 
Richtig messen

Wie messe ich meinen Ruhepuls - richtig und zuverlässig?

Miss den Puls morgens, kurz nach dem Aufstehen und – auch wenn es schwer fällt - vor dem ersten Kaffee.

Miss den Ruhepuls mit einem zuverlässigen Messsystem. Die Methode "per Hand" ist gut, ein elektronischer Pulsmesser, ist jedoch besser. Er misst die Pulsschläge und auch die Zeit deutlich genauer.

Miss am besten mehrmals in der Woche, um den Einfluss von Stress, Erschöpfung oder einem Weißkitteleffekt (ich bin aufgrund der Messung aufgeregt) zu minimieren.

 
Was beeinflusst den Ruhepuls

Was beeinflusst den Ruhepuls?

Das Diagramm zeigt die Veränderung des Ruhepulses im Laufe des "Älterwerdens". Es unterscheidet dabei zwischen der Entwicklung bei Männern und der Entwicklung bei Frauen. Die im Diagramm angegebenen Werte sind Normalwerte.

Interessant ist, dass im Mittel der Ruhepuls bei Frauen höher ist als der Ruhepuls bei Männern. Auch ist interessant, dass der Ruhepuls bis in das mittlere Erwachsenenalter kontinuierlich abnimmt.

Besonders auffällig ist die Abweichung des Ruhepulses im Erwachsenenalter. Die Normwerte variieren zwischen 60 und 80 Schlägen pro Minute. D.h. allein die Faktoren "Alter" und "Geschlecht" haben eine enorme Auswirkung auf den Ruhepuls. Faktoren wie "Stress" oder "Trainingszustand" sind hier noch gar nicht berücksichtigt.

 
Ruhepuls und Training

Kann ich den Ruhepuls durch Ausdauertraining senken?

Regelmäßiges Ausdauertraining senkt den Ruhepuls. Das Herz arbeitet durch die vermehrte Beanspruchung effizienter. Mit weniger Schlägen erbringt das Herz die gleiche Herzkreislaufleistung.

Durch Training wächst das Herzvolumen und vergrößert damit auch die Menge an Blut, die während eines Herzschlags transportiert werden kann. Ein untrainiertes Herzt pumpt mit einem Herzschlag 85 ml in Ruhe und 100 ml bei Belastung in die Arterien. Das Herz eines hoch Ausdauer trainierten Sportlers kann in der Belastung bis zu 200 ml pro Herzschlag transportieren.

Ein niedriger Ruhepuls ist demnach ein guter Indiktator für den Trainingszustand eines Ausdauersportlers. Bei Profis im Radsport liegt der Ruhepuls gut und gerne bei knapp über 30 Schlägen pro Minute.

 
Ruhepuls und Körpertemperatur

Der Einfluss der Körpertemperatur

Wie im letzten Eintrag, Puls messen beim Laufen, angesprochen, ist unser Körper permanent damit beschäftigt, die Körperkerntemperatur in unserem Wohlfühlbereich von 37° C ±0,5°C zu halten.

Zum Glück regelt unser Körper das ganz alleine. Er gleicht äußere Faktoren wie Umgebungstemperatur, Isolation, Sonneneinstrahlung und Tageszeit permanent ab.

Steigt unsere Körpertemperatur aufgrund von Bewegungsarbeit, psychischem Stress oder durch andere äußere Umstände an, so wirft unser Körper den Kühlmechanismus an. Er führt die Wärme an die Hautoberfläche. Das Transportmittel ist das Blut.

Die Hautdurchblutung steigt dabei um den 8-12-fachen Wert. Die Gefäße erweitern sich. Mehr Blut kann passieren. Die Herzfrequenz steigt, um größere Blutmengen als üblich in kurzer Zeit in Bewegung zu versetzen.

Ein Pulswert kann sich demnach auch ohne direkte sportliche Aktivität erhöhen. Der einfache Schritt aus dem Schatten in die pralle Sonne reicht dazu schon aus.

 
Psychosomatische Wechselwirkungen

Psychosomatische Wechselwirkungen

Körper und Gehirn sind eine untrennbare Einheit. Alle Situationen denen wir uns aussetzen, beeinflussen uns emotional und physiologisch. Werden wir überrascht oder erschreckt, unser Puls steigt an. Sind wir nervös oder aufgeregt, unser Puls steigt an.

Psychischer Stress führt zu einer Erhöhung der Herzfrequenz. Ebenso Emotionen wie Furcht, Wut, Freude und Liebe. Nicht umsonst steht das Herz als Metapher für Emotionen. Das Herz ist das „emotionale Organ“ des Körpers. Es reagiert sensibel auf Stimmungen und hormonelle Schwankungen. Oft spricht man auch von „Herzintelligenz“.

Wir können unser Herz auch "austricksen". Tiefe und regelmäßige Atmung sorgt für eine Absenkung der Pulsfrequenz. Auch wenn wir aufgeregt oder angespannt sind. Die Anwendung von Entspannungstechniken senkt die Herzfrequenz. Reduziert sich unser Pulsschlag, wird der Körper dazu gezwungen weniger Sauerstoff zu konsumieren. Dies geht nur dann, wenn das Stress- oder Anspannungslevel abnimmt. Das Ergebnis: wir fühlen uns besser.

Ok, aber was bedeutet das jetzt für die Neigung zu Gewalt oder antisozialem Verhalten?

Bei ständiger Unterstimulation und körperlicher „Langeweile“ sucht der Organismus nach Reizen. Diese könnten negativer Ausprägung sein. Jeder von uns kennt das. Vor allem im Winter. Draußen ist schlechtes Wetter. Der Nachmittag ist Grau und naß. Du hast Dich den ganzen Tag noch nicht richtig bewegt. Was passiert? Langsam aber sicher wirst Du schlecht gelaunt.

Stelle Dir die gleiche Situation vor. Nur mit dem kleinen aber feinen Unterschied: der 30 km Long Jog vor dem Frühstück. Nun einmal Hand aufs Herz: würdest Du den Rest des Tages "genervt" auf der Couch liegen? Oder würdest Du entspannt, relaxed und zufrieden mit Dir selbst die Ruhe genießen und auf Dein Tagwerk zurückblicken.

Es kommt auf die Balance an. Schaffst Du es eine Balance zwischen Anspannung und Entspannung, zwischen Erregungs- und Ruhephasen, zwischen körperlicher Aktivität und Regeneration herzustellen, so wirkt sich das sehr positiv auf Dein Gemüt auf.

Dem Herz ergeht es nicht anders als unserem Geist. Wir wollen unterhalten werden. Stress gehört dazu, wie die Abwechslung in den Jahreszeiten. Mal Sonne und heiß, mal Winter und frostig. Unser Herz möchte aktiv Leistung bringen und nach getaner Arbeit gemütlich entspannen. Dann ist es zufrieden. Dann ist es ausgeglichen und Gewalt oder antisoziales Verhalten steht nicht zur Diskussion.

Daher: bringt Euer Herz und Euren Körper regelmäßig in Wallung. Es wird es Euch danken!


Über den Autor:

Andrea Schwienbacher hat an der Technischen Universität München Ihre Ausbildung zur staatlich geprüften Sportlehrerin absolviert. Sie ist nun tätig im Bereich Training / Betriebliches Gesundheitsmanagement. Berufsbegleitend studiert sie im Hauptstudium Psychologie.

Als begeisterte Sportlerin und Trainerin/Therapeutin befasse ich mich täglich mit den vielfältigsten Aspekten des menschlichen Bewegungsapparates. Das Psychologie-Studium ermöglicht es mir nach und nach, noch tiefere Einblicke in Zusammenhänge und Ganzheitlichkeit des Wesens zu gewinnen. Da lernt man wirklich nie aus!

 
blog comments powered by Disqus